Etablierte Phrasen

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht über irgendetwas in der Tagespolitik aufrege.

Ich bewundere unseren, inzwischen verstorbenen, Altkanzler Helmut Schmidt, dem es gelungen ist, Tagespolitik nie zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Er hat sie zwar nicht komplett ignoriert, doch gelang es ihm irgendwie das große Ganze im Fokus zu behalten.

Ich versuche das zwar auch, doch brennt mein Temperament offensichtlich schneller mit mir durch, als das eines Staatsmannes. In den meisten Fällen rege ich mich darüber auf, dass die Probleme der Welt gar keine Probleme wären, wenn man einfach nur seine Geschichte kennt und danach handelt. Da ich sicherlich ein pfiffiges kleines Kerlchen bin; dabei aber keinesfalls mit besonders bemerkenswerter Intelligenz oder Weitsicht gesegnet, gehe ich davon aus, dass dieser Umstand auch anderen Menschen auffällt. Ganz besonders natürlich denen, die es wissen müssen.

Ich unterstelle der Wirtschaft und Politik also Intelligenz. Das ist fatal. Wenn diese Leute nämlich dumm wären, könnte man Dummheiten mit Dummheit entschuldigen. Wenn sie nicht dumm sind, werden Dummheiten zu einer böswilligen Absicht.

Es gibt unzählige Beispiele.

Liest jemand von euch? Ich meine nun nicht Auto- oder Mode-Zeitschriften, sondern echte Bücher.

Wenn man sich die Klassiker der Weltliteratur vornähme, die in vielen Fällen vor einigen hundert Jahren geschrieben wurden, wird man erkennen, dass die Protagonisten dieser Romane sich mit ziemlich genau den gleichen Dingen herumgeschlagen haben, wie wir es heute tun. Liebe, Geld, Schulden, Existenzängste, Kriege, Trauer… und so weiter. Mit Betonung auf „weiter“. In vielen persönlichen Fragen liefern solche Romane sogar Antworten auf Fragen, die man selbst mit sich herumträgt.

Man könnte also von den Erfahrungen dieser Menschen lernen – selbst wenn es sich nur um erfundene Charaktere handelt. Viele Bücher tragen ja durchaus autobiografische Züge der Autoren. Die Figuren werden also nicht völlig aus der Luft gegriffen sein. Ich selbst habe mich in Dostojewskis Erzählung „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ wiedergefunden. Ich meckere ja hin und wieder ganz gern. In diesem Roman treffen wir einen 40jährigen Ex-Beamten, der in seinem Keller hockt und die ganze Welt hasst. Am meisten sich selbst. Sehr oft, wenn ich über dies oder das schimpfe, denke ich ich an diesen Charakter. Zwar schimpfe ich deswegen nicht unbedingt weniger aber durchaus bewusster. Man denkt nach und kommt ins Grübeln. Man stellt seine Handlungen und sich selbst in Frage. Das ist gut – nur so kann man wachsen.

Ganz ähnliche „Anleitungen“ stünden unseren Volksvertretern und Wirtschaftsbossen zur Verfügung. Es gibt unzählige Schriften, Briefe und Bücher von Menschen, die sich vor hundert Jahren schon den Problemen gewidmet haben, wie wir sie heute vorfinden. Eine empfindliche Frage wäre dann natürlich: Warum hat sich der Zustand nicht verbessert? Hat unsere Elite diese Bücher also nicht gelesen – oder aber werden die Erkenntnisse ignoriert? Ich gehe davon aus, dass das etablierte System sehr wohl weiß, was es tut. Es gibt keine Zufälle in Wirtschaft oder Politik. Ich gehe nun nicht so weit, von einer völligen „Gleichschaltung“ zu sprechen. Ich glaube aber schon, dass der treibende Motor unserer Politik und Wirtschaft lediglich Macht und Einfluss ist. Noch nicht einmal Geld – Geld ist eine Ressource – das Mittel zum Zweck. In so einem Licht wirken die Schriften von Rosa Luxemburg fast wie eine Anklage.

Fazit: der Mensch hat sich in den letzten 2000 Jahren kaum weiterentwickelt. Man kann uns mit „Brot und Spielen“ noch ganz ebenso hervorragend beschäftigen, wie die alten Römer. Das System funktioniert. Der einzige Grund warum ich dabei nicht glaube, dass wir alle in der Matrix leben, ist der, dass ich mich weigere zu glauben, dass ein so weit entwickeltes Computerprogramm derart miserabel programmiert ist.

Meiner Meinung nach wäre der einzige Weg aus der Misere eine gute Bildung. Nicht irgendwelche aufgeklärt-spektakulären Thesen von Verschwörungstheoretikern, sondern ganz einfaches fundiertes Allgemeinwissen und gesunder Menschenverstand. Damit würde man eine ganze Menge gewinnen. Oder?