Meinungsfaschismus – nicht bei mir

Durch Zufall geriet ich in einen handfesten Streit mit einem Arbeitskollegen, nachdem ich mich positiv zum Thema Palästina geäußert habe. Das passiert mir öfter. Der betreffende Kollege ging mich dann natürlich sofort an und wollte wissen, wie ich zu Israel stehe. „Kritisch mit dem Hang zur Abneigung“, war meine ehrliche Antwort.

Das reichte meinem lieben Zeitgenossen dann, ganz selbstverständlich, aus, um mich als antisemitischen Hetzer und so weiter zu betiteln. Für Nachfragen auf eine Begründung oder Argumente war mein Kollege natürlich auch nicht mehr zugänglich. Es wurde gezetert und gepöbelt, was das Zeug hielt.

Ist euch das auch schon aufgefallen? Die Menschen verlieren mehr und mehr die Fähigkeit eine Diskussion zu führen. Gedacht wird in Schwarz und Weiß. „Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein.“, scheint die neue Devise. Die Leute hören sich nicht zu – von Gründen oder Argumenten ganz zu schweigen. Dieses Phänomen ist mir auch schon in Sozialen Medien aufgefallen. Jemand schreibt seine Meinung zu irgendeinem Thema und dann wird nach Herzenslust und völlig ungehemmt gepöbelt, geschimpft, gedroht und gemeckert. Niemand macht sich die Mühe, einmal nachzufragen, warum der Urheber diese Meinung hat. Niemand kommt auf die Idee eine „dumme Meinung“ eventuell mit Argumenten zu widerlegen – anstatt mit Pöbeleien. Ich selbst würde dies sehr hilfreich finden. Wie ich schon einmal sagte: auch ich bin nicht der brennende Busch oder habe bei der Verteilung der Weisheit Nachschlag bekommen.

Ich mache ebenso Fehler oder verrenne mich in irgendeinen Sachverhalt, wie alle anderen Menschen auch. Das passiert uns allen. Wenn man sich nun in seiner Meinung grob verzettelt, wäre es doch schön, wenn andere Menschen sachlich auf diese Fehler hinweisen. Dann könnte man sich das Gehörte überlegen und eventuell seine Meinung korrigieren; oder aber auch auf seiner Meinung beharren. Das ist Diskussion. Zwei unterschiedliche Meinungen treffen aufeinander und versuchen sich gegenseitig mit den jeweils besseren Argumenten zu überzeugen oder aber mindestens einen Kompromiss herbeizuführen. Was ist daran so schwer? Solltet ihr also hier in meinem Blog wirklich dumme Einträge finden, dann postet mir bitte nicht in die Kommentare, wie blöde ich bin, sondern erklärt mir warum ihr eine andere Meinung habt. So halte ich es für gewöhnlich. Immer vorausgesetzt natürlich mein Gegenüber ist noch für ein Gespräch zu haben. Wenn die Halsadern hervortreten und in den Augen vor Wut kleine Äderchen platzen, verzichte ich selbstverständlich auf so ein Gespräch.

Ich frage mich allerdings sehr, woran das liegt. Es gibt so ganz gewisse Reizthemen, die man unter keinen Umständen berühren oder diskutieren darf. Israel und Palästina zum Beispiel. Sobald man sich für eine der beiden Konfliktparteien ausspricht, wird man schnell öffentlich bezichtigt, an der jeweils anderen Partei einen Völkermord zu planen. Homosexualität ist so ein Thema. Oder auch „sexuelle Selbstbestimmung“. Sobald man hier Fragen aufwirft, die in die Richtung von ethisch-moralischen Begriffsdefinitionen tendieren, hat man das Siegel eines homophoben Hetzers. Gleiches gilt für bestimmte Religionszugehörigkeiten, den Netzfeminismus oder bestimmte politische Parteien. Die Anhänger und Gegner dieser Themen diskutieren auch schon lange nicht mehr miteinander.

Da wird nur noch geschimpft und gepöbelt. Argumente, Gründe, Denkansätze oder Ideen ersticken im Grabenkampf der gegenseitig zugewiesenen „Phobien“. Bei vielen gesellschaftlichen Themen ist mir das alles verhältnismäßig egal – ganz einfach weil mir der Bezug fehlt. Im Falle des Nahost-Konfliktes finde ich diese Haltung sehr traurig, weil genau diese Starrköpfigkeit dazu beiträgt, dass sich dieser Konflikt über Generationen erhält. Und wieder seufze ich einen sehr lauten Seufzer und frage mich, ob ich wirklich der Einzige bin, dem das auffällt, bzw. warum niemand etwas dagegen unternimmt.

Wir zwei könnten damit beginnen. Du, lieber Leser, und ich. Das nächste Mal, wenn uns in den Sozialen Medien einer so richtig blöd kommt, dann pöbeln wir nicht zurück, sondern erklären unsere Position möglichst sachlich, argumentativ und fundiert. Mal schauen, was passiert. Zu unserem Schaden wird es sicher nicht sein.

Das Geschäftsmodell Palästina

Wie bereits angekündigt, widmet sich ein großer Teil meines Blog um Fragen rund um Palästina. Hier muss ich ganz zu Beginn auch ganz deutlich einen Trennstrich ziehen.

Wer im Zeichen palästinensischer Unabhängigkeit antisemitische Parolen grölt und es total super findet, dass Hamas ständig Sprengsätze in israelischen Bussen oder an Grenzübergängen zünden, darf sich gern irgendwo einweisen lassen. Zwar bin ich kein großer Freund israelischer Politik, doch hat dies absolut nichts mit antizionistischer Propaganda zu tun, sondern ganz schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass ich glaube, dass Israel und Palästina eine „Lebensberechtigung“ haben.

Ich glaube also an ein friedliches Miteinander.

Dabei finde ich israelische Luftangriffe auf Gaza ebenso unmenschlich, wie die Selbstmordattentate von palästinensischen Gotteskriegern in israelischen Schulbussen. Den Unterschied macht die Weltöffentlichkeit. Ein gesprengter israelischer Schulbus mit 2 Toten und 30 Verletzten wird in den Medien weit begeisterter transportiert als ein, nach einem Bombenangriff, in sich zusammenstürzendes Wohnhaus in Gaza – mit 30 Toten und 2 Verletzten. Leid wird also gewogen und legalisiert. Die kollektive Empörung unterliegt damit einer vordefinierten Doktrin. Und das finde ich ebenso verwerflich wie gefährlich. Wer Leid gegeneinander aufrechnet, muss dabei zwangsläufig seinen Favoriten definieren. Somit wird dann das eine Leben „wichtiger“ als das Leben eines anderen Menschen. Wer kann das gut finden oder gar begrüßen?

Der Nahost-Konflikt kommt mir so ein bisschen vor, wie der von Orwell in seinem Roman „1984“ beschriebene „große Krieg“, in welchem die Konfliktparteien ihre Politik und Überlebensberechtigung eben aus dieser Auseinandersetzung ziehen. Das Vorhandensein eines sehr lebendigen Feindbildes wird beiden Parteien sehr viel Solidarität in der Bevölkerung einbringen. Doch zu welchem Preis? Dabei spielt es keine Rolle, ob fundamentalistische Hamas-Gotteskrieger junge Männer für ihren Kampf begeistern oder ob eine ultra-konservative Partei in Israel um Wähler buhlt. Verlogen sind sie alle beide! Niemand dieser beiden wird je zu einer Konfliktlösung beitragen. Beide Parteien ziehen ihr Dasein aus dem lebendigen Konflikt selbst und sind damit auch an seinem Fortbestehen interessiert.

Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden. Ich habe viele Stunden darüber nachgedacht und frage mich ernsthaft, welche Gründe diesen Konflikt immer wieder so anheizen. Ist es Religion? Ist es politische Ideologie? Zumindest scheinen die Gründe so sehr viel größer und wichtiger zu sein, als das Leiden der Zivilbevölkerung oder weinende Kinder mit staubigen Haaren. Ich selbst vermag keinen vernünftigen Grund erkennen. Mir selbst fehlt der „große Gedanke“ im Angesicht eines weinenden Kindes, welches man aus einem Trümmerhaufen zieht. Für mich symbolisiert dieser andauernde Konflikt die Perversion von ideologischer Politik oder Religion. Überhaupt tun dies alle Kriege – egal, ob nun in der Ostukraine oder in Syrien. Vor dem Bild eines weinenden und verwundeten Kindes sollte jede „große Idee“ verstummen. Leider schreit sie dann umso lauter.

Interessant finde ich dabei schon, wie schwer es ist, sich in diesem Konflikt zu positionieren. Ich bin weder Israeli, noch Jude oder Palästinenser.

Wählt man in diesem Konflikt allerdings eine Seite, dann fällt man automatisch in ein vordefiniertes Raster. Ich selbst glaube, das Palästina als autonomer Staat existieren sollte. Ich selbst finde, dass die israelische Politik sich sehr auf ihre „Opferrolle“ versteift, um in der Weltöffentlichkeit Zuspruch zu gewinnen. Dabei spreche ich mich weder für antisemitische Hetze aus, noch dafür, dass Israel „ins Meer getrieben“ werden muss, um einen Frieden für Palästina zu gewährleisten. Das wird allerdings sehr oft unterstellt, sobald man sich mit seiner Meinung Pro-Palästina positioniert. Völlig pervers, oder?

Ich sehe diesen Zusammenbruch der Objektivität sehr eng verbunden mit dem Verlust von Bildung. Ein wütender Mob ist sehr viel leichter in eine bestimmte Richtung zu lenken, als ein kritischer Geist. Wenn man ein wohl gepflegtes Feindbild hat, ist der Schuldige schnell gefunden – und was für ein Glück, wenn die Presse dann noch dramatische Fotos von verwundeten und weinenden Kleinkindern präsentieren kann? Damit wird dieses Kind dann für die Propaganda instrumentalisiert und die Wut der Bevölkerung auf die entsprechenden Täter gelenkt. Nach Objektivität oder gar Argumenten wird dann nicht mehr gefragt und selbst die eigentlichen Gründe verblassen mit der Zeit… oder kann einer von euch noch sagen, wann und warum der Nahost-Konflikt überhaupt entstanden ist? Ich behaupte, dass auch mehr als die Hälfte der brennenden Hamas-Gotteskrieger oder die eisernen Verfechter zionistischer Ideologie das ebenfalls nicht mehr wissen – bzw. es ihnen total egal ist. Im Mittelpunkt dieses Konfliktes steht damit nicht das Herbeiführen einer friedlichen Lösung, sondern die Aufrechterhaltung des Konfliktes. Die Rolle der israelischen Politik als staatliche Instanz ist hierbei natürlich schärfer zu bewerten, als die einer nichtstaatlichen Opposition.

Genau darum geht es mir.